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Parentifizierung

Dieser Begriff beschreibt Vorgänge, bei denen Kinder in die Rolle von Eltern bzw. von Erwachsenen gedrängt werden. Die Kinder erleben dies einerseits als Aufwertung („narzisstische Gratifikation“), da sie oft gegenüber Gleichaltrigen bevorzugt und gelobt werden; andererseits werden sie dazu verführt, sich ausbeuten zu lassen. Oft gehen ihnen dadurch Kindheit und Kindlichkeit verloren, während sie gleichzeitig massiv überfordert werden. Zu den negativen Spätfolgen der Parentifizierung gehören herabgesetzte Frustrationstoleranz und das Verwischen von Generationengrenzen. Letzteres wiederum erzeugt Irritationen, Identitätsdiffusion und neurotische Autoritätskonflikte.

Beispiel:

Nach dem Verlust der Mutter wird die älteste Tochter zur Ersatzpartnerin des Vaters und zur Ersatzmutter ihrer jüngeren Geschwister.  Dies führt dazu, dass eigene kindliche Bedürfnisse des Mädchens auf der Strecke bleiben. Das merkt sie nicht, da die vermeintlichen Vorteile der frühzeitigen Erwachsenenrolle die kindlichen Bedürfnisse zunächst überdecken. Im weiteren Leben ist die spätere Patientin erfolgreich: Nach einem Lehramtstudium verbindet sie, von anderen oft beneidet, eine Familienleben mit vier Kindern mit erfolgreicher Berufstätigkeit (Sie wird Schulleiterin). Mit 48 Jahren erleidet sie einen schweren Autounfall. Dadurch entgleist sie psychisch, wobei sich eine Angststörung einstellt und ihr alle Fertigkeiten verloren gehen, um die sie oft beneidet wurde. Erst nach einer längeren analytischen Behandlung gelingt es, die Parentifizierung der Patientin erfolgreich zu bearbeiten. Dabei wird ihr deutlich, dass sie ihr gesamtes Lebenskonzept bislang darauf aufgebaut hat, sich selbstzerstörerisch zu verausgaben. Schließlich wird sie fähiger, auch von anderen mehr einzufordern sowie berufliche und private Aufgaben zu delegieren.

Projektion

Geleugnete, abgelehnte eigene Tendenzen (Affekte, Triebregungen, Wüsche, Eigenschaften, Beziehungskonstellationen) werden in der Vorstellung oder im Verhalten in die Außenwelt (Personen, Institutionen, Gegenstände) verlagert.

Beispiele:

Ein Patient projiziert seine eigene Wut und Tendenzen andere zu verfolgen auf angeblich bösartige Mitpatienten und Therapeuten.

Eigene betrügerische Tendenzen werden auf einen Therapeuten projiziert, dem unterschwellig Abrechnungsbetrug unterstellt wird.

Der Partnerin wird in Abwesenheit Untreue unterstellt während der Betroffene mit eigenen Tendenzen zur Untreue zu kämpfen hat.

Projektive Identifikation

Der Abwehr dienende Interaktionsform zwischen zwei Menschen. Bei dem in der Phantasie ablaufenden Prozess werden eigene Anteile dem anderen zugewiesen. Der andere nimmt die ihm zugewiesene Eigenschaft unbewusst an und bestätigt dadurch die projizierten Vorstellungen seines Gegenübers.

Beispiel:

Ein Patient projiziert eigene aggressive Anteile auf den Therapeuten und verwickelt diesen so unbewusst in eine Auseinandersetzung. In deren Folge reagiert der Therapeut tatsächlich aggressiv. Damit bestätigt er die in ihn projizierte Vorstellung des Patienten, der sich zugleich an seinen schlagenden Vater erinnert fühlt.

Regression

Von Regression spricht man, wenn seelische Funktionsweisen und deren Folgen im Verhalten, erneut auftreten, obwohl diese für kindliche Entwicklungsstadien charakteristisch sind, die eigentlich überwunden sein sollten. Regression kann vorübergehend und umkehrbar vorkommen, d. h., der Rückgriff auf  frühere Phasen der psychischen Entwicklung ist nicht durchgängig und kann überwunden werden Die Regression kann alle Bestandteile des seelischen Apparates betreffen: Es, Ich und Über-Ich. Regression ist ein weitgehend unbewusster Vorgang, der nicht unbedingt pathologisch ist. So kann die zeitweise Außerkraftsetzung der Ich-Funktionen im Schlaf als normales Regressionsphänomen angesehen werden.

Beispiel für eine regressive Entwicklung:

Im Rahmen einer stationären Psychotherapie zieht sich ein Patient mehr und mehr ins Bett zurück, betont seine Unfähigkeit, sich mit Konflikten in der Patientengruppe auseinander zu setzen, und verlangt eine "mütterliche Vollversorgung" vom Pflegepersonal. Hierbei werden zunehmend orale Versorgungswünsche deutlich, die einen unbewussten Rückgriff auf die orale Phase darstellen, bei der eine enge symbiotische Versorgungsbeziehung mit der Mutter (durch das Stillen) bestand. Bei Patienten kommt es nicht selten zur Regression auf jene Phasen der frühen Entwicklung, die unvollständig oder gestört verlaufen sind.